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"Unsere Zielsetzung ist demnach heute viel elementarer: Es geht ganz grundlegend um die Machbarkeit vernünftigen Fortschritts. Wir wollen unsere Leser aufrütteln, sich wieder mehr als mündige Subjekte zu verstehen, die etwas bewegen können." (Thomas Deichmann)
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Gegen die geistige Stagnation

Es geht um die Machbarkeit vernünftigen Fortschritts.

Von Michael Stolzke

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inseitig.info: Herr Deichmann, noch eine weitere Ausgabe und NOVO feiert seinen 13. Geburtstag. Was ist der Glücksfall daran?

Deichmann: Dass wir in Zeiten, in denen alternative politische Ideen immer unpopulärer wurden, nicht nur durchgehalten haben, sondern dass es uns auch gelungen ist, die redaktionelle Linie immer wieder neu an der zentralen Frage auszurichten, die die NOVO-Macher antreibt: Wie können wir uns konstruktiv und auf Grundlage einer freiheitlichen Gesellschaftsvision in die wichtigen Diskussionen im Lande einklinken? Oder anders formuliert: Welche Barrieren stehen Wandel und Fortschritt im Wege? Unser besonderes Glück ist vielleicht, gerade jetzt, wo sich doch wieder eine etwas aktivere Suche nach Alternativen zeigt, eine Anlaufstelle mit reichlich Tiefgang zu sein. Wir sind mit 1500 gedruckten Heften zwar immer noch klein, freuen uns aber gerade in den letzten Monaten über sehr regen Zuspruch.

Einseitig.info: NOVO trägt den verheißungsvollen Untertitel „Magazin für Zukunftsdenker“. Welche Zukunft hat NOVO in fast 80 Ausgaben und auf über 4.000 Seiten gedacht?

Deichmann: Diesen Untertitel gibt es seit Mitte der 90er-Jahre – wenig später haben wir auch unser Credo „Dafür steht NOVO“ entwickelt. Wir haben damit auf eine zunehmende Verengung des politischen Diskurses, den Verlust von Visionen und wirklich widerstreitenden Positionen reagiert. Das ging einher mit der Neu- und Selbstdefinition von Politikern als Manager bzw. Krisenverwalter und mit der in den ökologistischen Weltanschauungen verankerten Zukunftsferne, die wir als die heute vorherrschende Variante des Konservatismus ansehen. Im Gegensatz zu dieser Weltsicht, deren Traum es zu sein scheint, in der Gegenwart zu verharren und alles nur ein bisschen sparsamer und sauberer zu machen, plädieren wir für eine Rehabilitation und Neubestimmung des Fortschrittsgedankens, ohne dabei in Science-Fiction-Manier irgendwelche Szenarien zu entwerfen. Uns geht es erst einmal darum, dass überhaupt wieder darüber gestritten wird, zu welchen Ufern sich die Menschheit aufmachen kann und soll. Diese Haltung wollen wir aber nicht in theoretischen Zirkeln predigen, sondern mit Hilfe eines fundierten und unaufgeregten Journalismus zu ganz konkreten Sachfragen vermitteln. Wissenschaftsthemen, Fragen zu Bildung und Erziehung usw. nehmen daher einen großen Raum in NOVO ein. Weniger unser Metier sind dagegen Fragen wie solche nach dem besten Steuersatz. Dass sich politische Diskussionen heute weitgehend auf derlei technokratisches Gewurstel reduzieren, ist für uns Ausdruck der Orientierungslosigkeit.

Einseitig.info: Ist diese Rehabilitierung des Fortschrittsgedanken allein wissenschaftlich-technisch zu verstehen oder schließt sie Ethik und Moral mit ein? Philosophische Aufklärung, technologische Gründerjahre oder Sozialismus – was ist gemeint?

Deichmann: Unter Fortschritt verstehen wir in erster Linie gesellschaftlichen Fortschritt. Wir finden es prima, wenn die nächste Generation MP-3-Player auf den Markt kommt, und großartig, wenn irgendwann ein Malariaimpfstoff oder ein Fusionsreaktor entwickelt wird. Aber wir glauben nicht, dass bessere Technik automatisch zu einer besseren Welt führt. Abstrus finden wir jedoch die umgekehrte Überzeugung, dass Wissenschaft und Technik die Welt schlechter machten. Generell glauben wir noch immer, dass wirklicher Fortschritt nur mit Aufklärung, also dem Ausgang der Menschen aus wie auch immer verschuldeter Unmündigkeit einhergeht. Für den Anfang schadet es da nicht, mit Hilfe von NOVO die Urteilskraft zu schärfen.

Einseitig.info: Was unterscheidet die Zukunft des Jahres 1992, dem Gründungsjahr des Magazins, von der heutigen Zukunft? Und welche Zukunft hat wiederum diese Zukunft?

Deichmann: Für die letzten 13 Jahre müssen wir leider konstatieren, dass sie von einer fortschreitenden Abkehr vom Vertrauen in eine bessere Zukunft geprägt waren. Viele Entwicklungen, die wir schon 1992 kritisierten, haben sich zementartig verfestigt: Ökologismus ist zu einer Art neuen Staatsreligion geworden, die Naturwissenschaften stehen unter starkem Legitimationsdruck, Misstrauen gegenüber allem und jedem ist allgegenwärtig und führt zur Beschneidung unserer Freiheiten.

Ein Unterschied ist sicher, dass es nach dem Zerfall des Ostblocks zumindest ansatzweise noch einen intellektuellen Wettstreit um Zukunftsvisionen gab – so sollte beispielsweise eine neu formierte „Weltinnenpolitik“ alte Regimes ablösen, und in der Innenpolitik suchte man den „dritten Weg“. Entsprechend gab es auch noch Hoffnungen in die etablierten Parteien, die Zukunft positiv gestalten zu können. All dies ist versandet, und die allgemeine Erwartungshaltung an die Zukunft tendiert gegen Null.

Unsere Zielsetzung ist demnach heute viel elementarer: Es geht ganz grundlegend um die Machbarkeit vernünftigen Fortschritts. Wir wollen unsere Leser aufrütteln, sich wieder mehr als mündige Subjekte zu verstehen, die etwas bewegen können. Deshalb versuchen wir auch Themen zu lokalisieren, in denen das Gegenteil zum Ausdruck kommt: ein eher passives Opferdasein – wie z.B. im Bereich der Verbraucherschutzpolitik. Was aus unserem Projekt wird, kann niemand vorhersagen. Im aktuellen Heft zu den Bundestagswahlen haben wir übrigens sehr umfangreich unseren Ansatz erklärt.

Einseitig.info: Wen die aktuelle Ausgabe überzeugt, der wählt am 18. September welche Partei...?

Deichmann: Was immer er wählt, sofern er überhaupt wählen geht: er wird es ohne große Begeisterung tun, da keine der Parteien für einen wirklichen Politikwechsel steht.

Einseitig.info: NOVO versteht sich als Politikmagazin. Die sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen bekommen in den Beiträgen regelmäßig schlechte Noten, und im realexistierenden Parlamentarismus in Deutschland und Europa entdecken Sie Demokratiedefizite als durchgängiges, negatives Muster. Wo steht denn nun der Feind?

Deichmann: Der so genannte „Feind“ lässt sich keinem politischen Lager mehr zuordnen, die Begriffe „Links“ und „Rechts“ bedeuten nichts mehr. Am ehesten können wir vielleicht sagen, im NOVO-Visier stehen vorrangig jene, die mit ihren Positionen die Horizonte verengen und Erwartungshaltungen herunterschrauben – also Parteien und Institutionen, die mit einem als Pragmatismus verkauften Opportunismus Taktiererei und Visionslosigkeit zum vorherrschenden Politikstil gemacht haben und die am liebsten ihren Laden ohne demokratische Beteiligung der Bevölkerung schmeißen würden. Dazu zählen auch Politiker und Intellektuelle, die wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zum Risiko umdeklariert haben, die Panik schüren, um sich anschließend als Beschützer aufspielen zu können. In diese Kategorien fallen eine ganze Reihe vermeintlich engagierter NGOs, die ganz darauf setzen, durch billigen Alarmismus und Moralismus im Wettbewerb der Ideologien den Publikumspreis samt Spendengeldern zu erheischen. Renate Künast, Ulrich Beck, Greenpeace oder Foodwatch, um hier nur einige zu nennen, kommen deshalb bei NOVO nicht gut weg.

Einseitig.info: In welchem Zusammenhang steht dieser kritische Blick mit den, vor allem in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts fokussierten Themen Afrika und Balkan?

Deichmann: Das Thema Afrika ist ein gutes Beispiel für die angesprochene Zukunftsferne. Entwicklungspolitik, die den Namen verdienen würde, weil sie es sich zum Ziel macht, armen Ländern zu helfen, sich dorthin zu entwickeln, wo wir sind, nämlich zu Staaten mit hohem Lebensstandard, gibt es heute praktisch nicht mehr. Die Erwartungen sind auch hier auf ein Minimum gedrückt worden. Es geht allenfalls noch um bescheidene Linderung der Armut der Ärmsten. Ein Beispiel hierfür sind ökologisch korrekte Solarkocher, die nach Afrika geschickt werden, statt dass man sich um effiziente Energieversorgungssysteme kümmert. Und statt große Entsalzungsanlagen zu bauen, um viel mehr Leute mit Wasser versorgen zu können, gibt es in afrikanischen Dörfern VHS-ähnliche Kurse zum Brunnenbohren per Hand. Gleichzeitig wird dabei massiv die moralische Überlegenheit des Westens propagiert und mitunter auch durch militärische Interventionen demonstriert.

Bei den Balkankriegen wandten wir uns gegen eine solche Moralisierung der Außenpolitik. Ein ganz zentrales Element war auch unsere Opposition gegen die Entmündigung der Medienrezipienten, weil ihnen durch eine aufgeheizte bis hysterische Berichterstattung ein Zerrbild der Realität vor Ort aufs Auge gedrückt wurde. Uns ließen damals selbst Journalisten wissen, es sei neuerdings legitim, für eine „gute Sache“ Fünfe gerade sein zu lassen. Darin kam dieser moderne „volkspädagogische“ Ansatz, der gerade in den links-liberalen Medien Einzug erhielt, deutlich zum Ausdruck: Die moralische oder politische Botschaft ist wichtiger als die Faktenlage. Diese Herangehensweise sieht man heute bei vielen Themen, dagegen wenden wir uns ganz entschieden.

Einseitig.info: Sie nehmen im Oktober an der Londoner „Battle of Ideas“ teil, kooperieren seit Jahren mit dem englischen Magazin Sp!ked. Woher kommt diese starke Verbundenheit mit England? Was wird in dieser Redeschlacht ausgefochten?

Deichmann: Es geht in London um genau die Diskussionen, die wir auch in NOVO aufgreifen – letztlich darum, wie man aus dem gegenwärtigen geistigen Schlammassel wieder herauskommt und Begriffe wie Zukunft, Wandel und Wissen neu und positiv besetzen und sich hierbei besser vernetzen kann. Auf unserer Website gibt es Informationen und Links zum Programm. Die Konferenz soll fortan regelmäßig stattfinden, und wir würden derartige Foren natürlich auch gerne in Deutschland etablieren, aber das ist wieder mal vor allem eine Frage der Ressourcen.

Die Verbundenheit zu Sp!ked geht bis auf die Anfangszeiten von NOVO zurück. Einige Sp!ked’ler machten zuvor das Printmagazin LM, das zuvor Living Marxism hieß und einer kleinen marxistischen Partei, die sich Anfang der 90er-Jahre auflöste, angegliedert war. Jedenfalls inspirierte uns dieses erfrischend freche Politikmagazin sehr zur Herausgabe von NOVO, und seither pflegen wir einen regen Austausch. LM wurde übrigens 2000 durch eine Verleumdungsklage des Nachrichtensenders ITN in den Bankrott getrieben – Anlass war ausgerechnet die Publikationen eines Artikels von mir über ein täuschendes Bild aus dem Bosnienkrieg. Dazu gibt es bei uns unter „ITN-vs-LM“ eine eigene Rubrik, die immer noch sehr oft besucht wird. Unserer Freundschaft tat dies aber keinen Abbruch – meine Geschichte wurde auch im Prozess vor dem Obersten Gerichtshof als wahr bestätigt.

Einseitig.info: Herr Deichmann, erlauben Sie eine persönliche Nachfrage quasi in eigener, “einseitiger“ Sache. NOVO ist kein Auflagen-Millionär, die Autoren erhalten nur in Ausnahmefällen Honorare, die großen Schlagzeilen machen andere Titel. Welche Motivation treibt Sie an? Haben Sie gar Vorbilder, deren Portraits in Ihrem Arbeitszimmer hängen?

Deichmann: Bislang gab es nur eine einzige Ausnahme: Wir bezahlten mal ein symbolisches Minihonorar für einen Text zu Peter Handke, den wir unbedingt im Blatt haben wollten. Kurz und knapp zu unserer Motivation: Wir wollen nicht nur verstehen, was um uns herum geschieht – das allein ist schon mal ganz angenehm –, wir würden die Welt auch gerne zum Guten verändern, zumindest in dieser Richtung mitwirken. Dies kann ich in NOVO mit meinen Beruf als Journalist bestens verbinden.

Ein Portrait hängt in meinem Arbeitszimmer nirgends rum – einzig ein Poster von brand eins. Dessen Macher finde ich äußerst nett, und vor ihrer journalistischen Arbeit und ihrem Erfolg habe ich durchaus so etwas wie Respekt – ohne jetzt gleich auf die Knie fallen zu wollen. Dass was brand eins als modernes Wirtschaftsmagazin macht, würden wir gerne im Bereich Politik, Wissenschaft & Kultur erreichen. Vielleicht finden wir mal einen Mäzen, der uns unter die Arme greift.

Einseitig.info: Mal anders herum gefragt, was wäre für Sie Grund genug, das Magazin für Zukunftsdenker einzustellen?

Deichmann: Darüber haben wir natürlich auch immer mal wieder nachgedacht, denn es ist nicht leicht, als No-Budget-Projekt neben dem „normalen“ Berufsleben über die Runden zu kommen. Und die Stimmung hierzulande kann einem die Laune auch manchmal gehörig vermiesen. Der einzig wirklich gute Grund wäre, wenn wir die Chance bekämen, NOVO durch ein neues Magazin im selben Geiste, aber mit unvergleichbar besserer finanzieller Ausstattung zu ersetzen. Ein schlechter Grund wäre, wenn wir feststellen würden, dass wir über eine gewisse Zeit auf der Stelle treten – geistig oder in Abonnentenzahlen gemessen. Was die Abozahlen angeht: die wachsen ständig, und das spricht wohl auch gegen eine geistige Stagnation.

***

Thomas Deichmann, Jahrgang 1962, ist seit der Gründung des Magazins im November 1992 Chefredakteur von NOVO. Darüber hinaus arbeitet er als Publizist und freier Wissenschaftsjournalist (schreibt u.a. für Focus, Die Welt, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). Gemeinsam mit Thilo Spahl veröffentlichte er 2001 „Das populäre Lexikon der Gentechnik“ (Eichborn Verlag, Frankfurt a.M.). Zwei Jahre später folgte zusammen mit Detlev Ganten und Thilo Spahl „Leben, Natur, Wissenschaft. Alles, was man wissen muss“ (Eichborn Verlag, 2003). Zu den Balkankriegen veröffentlichte er als Herausgeber „Noch einmal für Jugoslawien: Peter Handke“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1999) und gemeinsam mit Klaus Bittermann „Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben“ (Edition Tiamat, Berlin 1999

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Michael Stolzke  07.09.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Gegen die geistige Stagnation'' weiterempfehlen?
 
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