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Gefahren des "vergesslichen" Netzes: INSM erwirkt Internet-Löschung Im "vergesslichen" Netz könnte niemand "mal eben" nachforschen, was der Guttenberg wann gesagt hat, oder was in den den ersten Online Veröffentlichungen über die "Ermordungen von Kundus" gestanden hat. Schwerlich oder gar nicht wäre zu entlarven, dass manche Argumente nur Desinformation sind, wenn die Recherchemöglichkeiten genommen sind. Das orwellsche Informationsministerium würde radikal alle unliebsamen Spuren vernichten. - - - Foto: photocase.com © JOEXX
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Gegen das digitale Vergessen

Warum wir nichts erinnern sollen

Von Uwe Wallner

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n dem unlängst erschienen Beitrag „Vergiss es" versuchen die Spiegel-Redakteure die angeblichen Vorteile des "vergessenden Netzes" und der digitalen Daten mit "Selbstzerstörung" zu veranschaulichen: Da wird von Spiegel-Online (SPON) zunächst eine Hebamme zitiert, welche auf dem Bewertungsportal "Jameda" von ihren Kunden "schlecht" bewertet worden ist. Würde es automatisch "erodierende Daten" geben, hätte diese Hebamme nicht extra eine Agentur mit der Wiederherstellung ihres Rufs beauftragen müssen. Dazu sah sie sich ob des erwähnten negativen Eintrags gezwungen, und findet sich mittlerweile, nach einer solchen Reputationskampagne, auf Jameda "ganz oben" wieder: mit den meisten Bewertungen (16 laut SPON) und den meisten guten (15) Bewertungen.

Na dann: Gleich mal nachschauen, wer das ist: Momentchen … hab´s gleich … www.jameda.de "Berufsgrupppe" klicken - "Hebammen" aussuchen - Suche starten ... Ach, da isse ja schon. Gleich der erste Eintrag. Dank der Erinnerung im Spiegel weiß ich nun, welche Hebamme ich besser nicht nehmen sollte. Nämlich die nun "ganz oben" steht, sie wurde ursprünglich schlecht bewertet … Ts-ts.

Bewertungsportale mit Ablaufdatum
Wie "digitales Vergessen" dieser Hebamme geholfen hätte? Die Autoren schweigen an dieser Stelle. Wahrscheinlich, weil der "Fall Hebamme" nur ein Scheinargument ist: Der Negativ-Bewerter hätte seine Bewertung weder autorisieren lassen, noch hätte er freiwillig ein "digitales Ablaufdatum" akzeptiert. Welchen Sinn hätten Bewertungsportale, in denen negative Bewertungen nach einer gewissen Zeit automatisch "verschwinden"? Darauf würden sich weder der Bewertungsportal-Anbieter noch dessen Nutzer einlassen. Wirkungsvoller wären Moderationen oder verlässliche Teilnehmerkontrollen. Gerade Bewertungsportale sind anfällig für Manipulation; laden teilweise geradezu dazu ein. Ein "vergessliches" Netz hätte aber im geschilderten Fall nichts genutzt. Die Hebamme: Nur eine Rauchbombe ...

Noch krasser wird der angebliche Nutzen "digitalen Vergessens" in dem erwähnten Spiegel-Artikel an anderer Stelle aufgezeigt: Die Sedlmayr-Mörder wollen nicht, dass potenzielle Arbeitgeber oder Vermieter erfahren, dass sie gemordet haben. Deshalb sei "digitales Vergessen" unbedingt notwendig, drängt sich nun die Schlussfolgerung dem Leser auf. Wie bitte? Der potenzielle Vermieter soll nicht erfahren können, dass die Wohnungsbewerber Mörder sind? Der potenzielle Arbeitgeber soll nicht erfahren, dass die Jobbewerber Mörder sind? Jedem kleinen Versicherungsheini, der mal "Pech gehabt" hat oder "unsauber" gearbeitet hat, wird die Lizenz verweigert, aber ein Mörder soll kein Stigma davontragen?

Wer will schon Mörder einstellen? Ich rede hier nicht von "unachtsam ein Kind totgefahren". Das ist für alle Beteiligten das Schlimmste, was passieren kann; aber der "Todes"-Fahrer ist ja "geistig normal" (zumindest bis dahin). Dem könnte ich einen Job anbieten und dem könnte ich meine Wohnung vermieten. Aber den Sedlmayr-Mördern würde ich das nicht. Die Sedlmayr-Mörder haben einen Menschen gemordet. Sie haben entschieden: Den morde ich.... und setzten den Vorsatz in die blutige Tat um. Solchen Menschen unterstelle ich: "nicht klar im Kopf". Meine Befürchtung: Eines Tages fühlen die sich wegen angemahnter Mietrückstände geärgert, und dann bin ich "dran". Irrational, sicherlich; aber durchaus nachvollziehbares, "legitimes Denken".

Undenkbar, dass ich in meinen berechtigten Interessen nach Recherchen gerade daran gehindert werde; durch ein "vergessliches Netz":

Ein Informationsministerium etablieren
Gewöhnlich gut unterrichtete Kreise gehen davon aus, dass mit dem im Spiegel-Artikel genannten "privaten Netz-Radiergummi" einem ganz anderem Ansinnen der Weg geebnet werden soll: Info-Blockaden, ähnlich der Zensur-Infrastruktur, die in Folge der Kinderporno-Debatte installiert werden sollte, soll dem Volk nun eine neue, und viel weiter reichende Infrastruktur mit Scheinargumenten aufgeschwatzt werden. "Das Netz vergisst nicht" behauptet SPON fälschlicherweise, und führt ein weiteres leicht zu entzauberndes Beispiel einer gedachten 13-Jährigen an: Noch in Jahren wäre das kesse Foto des heutigen Mädchens abrufbar. Dieses Bild stelle sie unbedacht, wie 13-Jährige angeblich sind, in Schüler-VZ ein, fabulieren die Autoren, und befürchten: Fünf Jahre später sehen potenzielle Arbeitgeber dieses Bild.

Aber auch dies sind nur Schein-Argumente. Denn:

1) In Schüler-VZ können Fotos entfernt oder ausgetauscht werden.

2) Sollte vorher jemand das Bild von seinem Screen umkopieren, käme dies technisch dem Abfotografieren des Computerbildschirms gleich. Ein "Gültigkeitsdatum" oder "Verfallsdatum" in der ursprünglichen Datei nützen in dem Fall überhaupt nichts. Auch diese gedachte Schülerin: Nur eine Rauchbombe. Sind die Spiegel-Autoren dumm oder böse?

Gefahren des "vergesslichen" Netzes: INSM erwirkt Internet-Löschung
Im "vergesslichen" Netz könnte niemand "mal eben" nachforschen, was der Guttenberg wann gesagt hat, oder was in den den ersten Online Veröffentlichungen über die "Ermordungen von Kundus" gestanden hat. Schwerlich oder gar nicht wäre zu entlarven, dass manche Argumente nur Desinformation sind, wenn die Recherchemöglichkeiten genommen sind. Das orwellsche Informationsministerium würde radikal alle unliebsamen Spuren vernichten. Mit erschreckender Effizienz wird dies bereits praktiziert, wie der "Fall Plusminus" am Beispiel eines Beitrags aus der Sendung vom 30. August 2005 belegt:

"...so wurde das INSM-Dossier [Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft] 'wie Wirschaftsverbände die öffentliche Meinung beeinflussen' von Dietrich Krauß zwar [...9 ausgestrahlt, kurz darauf aber im Internet gelöscht. Menschlich verständlich, denn Krauß hatte die INSM-Drücker als "Dauergäste in den Talkshows" entlarvt: "Manchmal sitzen gleich drei in einer Sendung. Dort treten sie für die SPD, Union, FDP und Grüne auf - oder als unabhängige Experten. Tatsächliche sind alle bei der gleichen Lobby im Boot - und fordern harte Einschnitte, von denen sie selbst nie betroffen sind". Dass der Beitrag im Internet dann doch noch der demokratisch interessierten Nachwelt zugänglich gemacht wurde, soll bei ARD und INSM schwere Verstimmungen ausgelöst und gewissen Kreisen den "Sachzwang zur Internetzensur" verdeutlicht haben (Thomas Wieczorek "DIE VERBLÖDETE REPUBLIK).

Das Video der genannten Plusminus-Sendung ist tatsächlich kaum noch auffindbar. Über die ARD sind weder das Script noch der Filmbeitrag zu bekommen. Der Intendant des SR hat die Spuren vernichten lassen, wie man auf wahl-stimmen.de nachlesen kann. Das Script ist auch nur noch an wenigen Stellen aufzufinden, wie beispielsweise bei ATTAC. Der Mitschnitt der Sendung ist momentan nur noch auf einer weniger bekannten Video-Seite zu finden (Link auf vodpod.com/watch/593937-insm-initiative-neue-soziale-marktwirtschaft-lobby-gegen-den-sozialstaat).

Also: Hände weg von jeglicher "Vergessens-Software". Die Gefahr, dass das "private digitale Radiergummi" einer weiteren Zensurinstanz den Horizont öffnet, ist zu groß. Besser ist, Einzelne haben (verschuldet oder nicht) persönliche Nachteile (und sei es "nur" in Form von Aufwand in der Reputations-Rettung), als dass eine Vergessenskultur etabliert wird, in welcher wir es normal finden werden, wenn Informationen nicht mehr auffindbar sind . . . oder nur noch an versteckten „unvergesslichen" Stellen . . .



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Uwe Wallner  07.01.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Gegen das digitale Vergessen'' weiterempfehlen?
 
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