Humanexperimente rufen heute Empörung hervor. Dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass zweckrationale medizinische Menschenversuche mit tödlichem Ausgang Ende des 19. Jahrhunderts in den deutschen Kolonien die Regel und nicht die Ausnahme darstellten, wie der Heidelberger Medizinhistoriker Prof. Wolfgang U. Eckart in einem Gespräch erläutert.
umanexperimente rufen heute Empörung hervor. Dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass zweckrationale medizinische Menschenversuche mit tödlichem Ausgang Ende des 19. Jahrhunderts in den deutschen Kolonien die Regel und nicht die Ausnahme darstellten, wie der Heidelberger Medizinhistoriker Prof. Wolfgang U. Eckart in einem Gespräch erläutert.
Einseitig.info: Wie sind Sie mit dem Thema Medizinische Menschenversuche in Kontakt gekommen?
Wolfgang Eckart: In dem Moment, in dem ich angefangen habe, mich mit derMedizingeschichte des 19. Jahrhunderts zu beschäftigen und dann vor allem mit kolonialer Medizingeschichte, stößt man fast automatisch auf dem Komplex Medizinexperimente. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Beginn der Menschenexperimente zeitgleich mit der deutschen Kolonialgeschichte in den frühen 1880er Jahren beginnt.
Das Experiment ist ein junges Instrument der naturwissenschaftlichen bzw. medizinischen Forschung. Junge Ärzte sind es dementsprechend gewohnt, experimentell zu denken und zu arbeiten – das gilt auch für die Ärzte, die in die deutschen Kolonien geschickt wurden.Das Experiment ist in Deutschland und Frankreich übrigens erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden. Während die Menschenexperimente in Frankreich früher beginnen, setzen sie in Deutschland etwas verzögert durch die romantische Naturphilosophie mit Beginn der 1830er Jahre ein. Dann wird es aber zum bestimmenden Instrument der naturwissenschaftlichen medizinischen Forschung in dieser Zeit: ohne Experimente geht nichts mehr.
Die Experimente finden überwiegend in den Laboratorien statt – die meisten Objekte der Experimente sind Tiere, beginnend mit der Ratte, mit Mäusen, aber auch mit Menschen. Im großen Stil beginnt das Humanexperiment in der französischen Klinik am Beginn des 19. Jahrhunderts. Michel Foucault hat in diesem Zusammenhang von der Phase der Geburt der Klinik gesprochen. In diese Phase fällt auch die Implementierung des Humanexperiments.
Das geht soweit, dass Menschen als Objekte des Experiments in den französischen Kliniken bereits sehr systematisch eingesetzt werden. Dies hat auch seinen literarischen Niederschlag im „Woyzeck“ von Georg Büchner gefunden: „Ess er mehr Erbsen“ fordert der Arzt seinen Probanden auf, sich für das Humanexperiment am Riemen zu reißen. Vergleichbare Erfahrungen findet man auch im französischen Kontext bei Eugène Sue: „Die Mysterien von Paris“. Hier gibt es ein scharfe Kritik am brutalen Ausnutzen von Menschen im medizinischen Experiment.
Diese Menschenexperimente setzten sich im nationalen Kontext im Zusammenhang mit den Krankenhäusern fort. Krankenhäuser sind im 19. Jahrhundert Orte für arme Menschen. Diese waren in der Regel autoritätsgewohnt und reagierten auf Befehl und Gehorsam. Dazu kam, dass man in den Krankenhäusern sehr strikte Hierarchien vorfand: Reiche Leute gingen nicht ins Krankenhaus, sie ließen den Arzt kommen, arme Leute konnten den Arzt nicht bezahlen.
Von den armen, autoritätshörigen, abhängigen Patienten wurde erwartet, dass sie für dieunentgeltlichen medizinischen Leistungen ihren Körper für Humanexperimente zur Verfügung stellten – gewissermaßen auf der Basis eines stillschweigenden, nicht schriftlichen Vertrages. Das heißt, wir hatten schon in der Frühphase des deutschen Kolonialismus eine experimentierfreudige Situation, die im eigenen Land zu erheblichen Konflikten führte.
Ein Konfliktherd war der Skandal um den Fall Albert Neisser, ein Dermatologe aus Breslau. Dieser experimentierte im Bereich von Infektionskrankheiten, insbesondere von Geschlechtskrankheiten. Dabei begab er sich auf die Suche nach einem Impfstoff gegen die Syphilis in 1890er Jahren. Diese Jahre sind die Hochzeit der Impfstoffsuche: Nachdem ist die erste Phase der Bakteriologie nicht fruchtbar war, suchte man jetzt nach einem Serum mit dem man sowohl impfen wie auch therapieren kann. Neisser infizierte im Zuge seiner Forschungen Mädchen und junge Frauen aus dem Breslauer proletarischen Milieu mit Syphilis-Seren, natürlich ohne sie darüber zu informieren oder um Erlaubnis zu bitten.
Er ging von der Annahme aus, dass ein keimfreies Serum nicht infizieren kann, doch dies war nicht realistisch. Das Serum war verunreinigt und enthielt Syphiliserreger. Die weitergehende Annahme war, dass sich junge Mädchen aus dem Proletariatohnehin mit Syphilis infizieren würden. Neißer ging also davon aus, dass diese Mädchen sowieso krank würden, und dass sie der Wissenschaft dementsprechend ein Opfer bringen könnten. Daraufhin gab es einen Aufschrei der Öffentlichkeit und nun betraten Ethiker die Bühne, so dass das Problem erstmals gesellschaftlich diskutiert wurde. Dabei schälten sich zwei Gruppen heraus.
Der einen Gruppe gehörten die klinischen Mediziner an, die das Banner der Wissenschaft hoch hielten und die Auffassung vertraten, dass der Forschung bereitwillig Opfer gebracht werden müssten, da andernfalls kein medizinischer Fortschritt möglich sei. Der anderen Seite gehörten Ethiker und Juristen an, die sich strikt gegen solche Humanexperimente wendeten. Sie machten unter anderem geltend, dass man Menschen fragen müsse, ob sie bereit wären, an solchen Experimenten teilzunehmen. Es kam dann zu einem Prozess in dessen Folge der Dermatologe Neisser zu einer Strafe von ein paar hundert Reichsmark verurteilt wurde.
Im Anschluss daran wurde in Preußen ein Gesetz erlassen, dass die Regelung traf, dass die entsprechenden Patienten über die Humanexperimente informiert werden müssten und nicht unter 18 Jahre alt sein durften. Zu dieser Zeit verfügte das deutsche Reich allerdings schon über Kolonialgebiete. Preußen war das größte Land im deutschen Reich und seine Gesetzgebung hatte Auswirkungen auf die anderen Länder – die preußische Verfügung waralso mustergültig und auch den Kolonialärzten nicht unbekannt, mit einem Unterschied: In den Kolonien herrschten andere Bedingungen. Die kolonialen Untertanen waren keine wirklichen Reichsbürger, sondern Kolonialuntertanen. Sie hatten keinen rechtlichen Status, durften nicht wählen und wurden als minderwertige Menschen angesehen.
Einseitig.info: Aber immerhin als Menschen?!
Eckart: Schon irgendwie als Menschen, aber sie kamen der Ebene Tier sehr nahe, weil sie als rassisch minderwertig aufgefasst wurden. Sie wurden zwarbiologisch als Menschen betrachtet, aber was die Menschenwürde und damit zusammenhängende Rechte angeht, befanden sie sich – nach Ansicht der Kolonialärzte? Nach herrschender Ansicht? Nach allgemeiner Ansicht? - eher auf einer Stufe mit Tieren. So fragte man sich beispielsweise, ob es nötig sei, sie zu unterrichten, oder ob es nicht ausreiche durch ordentliches Füttern ihre Muskeln zu stärken. Und daman Humanexperimente nach der neuen Gesetzeslage in den Metropolen nicht mehr durchführen konnte, folgte der logische Schluss, die rechtlosen kolonialen Untertanen in aber auch außerhalb von Afrika für breit angelegte experimentelle Handlungen zu missbrauchen.
Einseitig.info: Ein Schwerpunkt Ihrer Forschungen bildet die Internierung der Versuchsopfer in sogenannten „Concentration Camps“. Wie kam es dazu?
Eckart: Es gab in den Kolonien diverse Krankheiten, auch richtige Seuchen. Letztere wurden als bedrohlich für die Existenz der Kolonialökonomie erachtet: „Der Kapitalwert des Negers“ bzw. der kolonialen Bevölkerung, hieß es dementsprechend, lässt sich bemessen – und so wurden Rechenexempel angestellt. So wurde der Kapitalwert eines Negers auf zehn Mark bemessen und bei zehn Tausend Opferneiner Seuche z.B. der Schlafkrankheit oder der Pest, multipliziert man diese Zahl mit zehn Mark und errechnet so den Realverlust, den die Kolonie an Menschenkapital hinzunehmen hat. Solche Verluste wollte man vermeiden oder wenigstens reduzieren. Das war das Ziel des medizinischen Arbeitens und Forschens. Da es sich bei vielen Seuchen, um Krankheiten handelte, die gerade erst bekannt geworden waren gab es hier noch ganz erheblichen medizinischen Forschungsbedarf gibt.
Einseitig.info: Zu nennen wäre das Beispiel der Schlafkrankheit.
Eckart: Die Schlafkrankheit (Trypanosomia) ist als Erregermodus einer parasitären Krankheitum die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert entdeckt worden. Doch man hatte noch kein geeignetes Therapeutikum. Man wußte allerdings, dass die Erreger der Syphilis mit bestimmten chemischen Substanzen wie Arsen in der Frühphase behandelt werden können und übertrug nun diesen Ansatz auf die Schlafkrankheit. Man erkannte, dass die Erreger der Schlafkrankheit (Psyrillen) der Form nach den Erregern der Syphilis (Psyrochaeten) glichen – und schloss daraus, man könnte diese mit den gleichen Präparaten behandeln.
Das Problem war nur, dass im Zeitalter der Vor-Chemotherapie – dazu sage ich später mehr – Substanzen angewandt wurden, die in ihrer Schädlichkeitspotenz einer Vergiftung gleichkommen und nicht nur den Erreger vernichten. Das heißt, man kann mit einer hinreichend großen Dosis von Arsen die Erreger töten, aber möglicherweise auch den Patienten: Das war das Dilemma. Paul Ehrlich war erst auf dem Weg die Chemotherapie zu entwickeln. Chemotherapie bedeutet ja, dass nicht nur chemische Präparate gegen die Erreger einsetzt werden, sondern dass der Wirkungskoeffizient so gestaltet wird, dass das Medikament, von hoher bis höchster Erreger-Spezifität und von geringer bis zu geringster Körperspezifität ist. Man will damit nicht Gewebe zerstören und Menschen töten, sondern die Erreger vernichten.
Diese Wirkung war bei diesen frühen Medikamenten aber nicht gegeben. Daher versuchte man laborähnliche Bedingungen zu schaffen, indem man die an der Schlafkrankheit infizierten in Lager, nach dem Vorbild der Engländer, zusammenfasst. Diese nannte man zwar „concentration camps“, es waren aber keine Vernichtungslager im späteren nationalsozialistischen Deutschland. Die Entstehungsgeschichte der „concentration camps“ geht auf den Burenkrieg zurück; dort waren esInternierungslager.
Damit wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, um ein böses Bild zu benutzen: Zum einen konnten die möglichen Träger der Krankheit zusammengefasst und isoliert werden und zum anderen hat man die Patienten als Versuchskaninchen in einer großen Verfügbarkeit. Diese Lager waren durch offensichtliche Gewalt gekennzeichnet. Menschen wurden mit Gewalt an einem Ort festgehalten und in die Therapien gezwungen. Therapien sind ihrem Charakter nach in diesen Lagern in erster Linie experimentelle Therapien: Das heißt, man probiert neue Medikamente aus.
Einseitig: Was waren das eigentlich für Kolonialärzte, die wider jegliche medizinische Ethik operierten?
Eckart: Es handelt sich auf den ersten Blick um ganz normale Ärzte – sie ragen aus dem Spektrum und Motivationen von Ärzten, die ohnehin in die Kolonien gehen, nicht heraus. Diejenigen, die als Beamte, Assessoren, Juristen, Verwaltungskräfte, Mediziner in die Kolonien gehen, sind durch bestimmte Eigenschaften gekennzeichnet. Es handelt sich um Leute, die dem Mutterland den Rücken zudrehen, das Abenteuer suchen, mithin um Desperados.
Viele suchen auch die Freiheit, wobei Freiheit nicht als Freiheit im Sinne der Französischen Revolution verstanden wird, oder als Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung. Freiheit verstehen diese Leute auch als Grenzenlosigkeit. Das bedeutet, in den Kolonien konnte man die Grenzen viel weiter verschieben, als dies im Mutterland möglich gewesen wäre. Schließlich war das gesetzliche Corpus nicht so dicht, wie im Mutterland und die Menschen, mit denen man es zu tun hatte, wurden als minderwertig behandelt; schlimmer noch: Als subaltern.
Die Kolonien waren dafür die idealen Bereitstellungsräume – auch und nicht zuletzt zur Entfaltung gewalttätiger Aktivität. So verhält es sich auch mit den Ärzten. Diese hatten innerhalb der Lager nicht nur die medizinische Verfügungsgewalt über ihre Subjekte, bzw. die Objekte der Forschung, sondern sie verfügten auch über die Disziplinargewalt. Wenn sich jemand dem Therapieversuch entziehen wollte, dann wurde er auch bestraft und wahlweise in eine Hütte eingeschlossen oder mit einem Tauende geschlagen. Innerhalb der Lager gab es dementsprechend eine eigene Strafordnung wie auch innerhalb der Gefängnisse.
Die Ärzte waren also mit verschiedenen Funktionen okkupiert. Sie waren zum einenmit der medizinischen Forschung und zum anderen mit der Disziplinierung ihrer Forschungsobjekte beschäftigt und durften in dieser kolonialen Sondersituation fast „ad libitum“ agieren. Damit wird in gewissem Sinne das Vorbild der späteren Vernichtungslager des Nationalsozialismus antizipiert, die sich pikanterweise auch Konzentrationslager nennen, aber ihrem Charakter nach als Vernichtungslager fungieren. Mit den kolonialen Lagern herrscht ein besonderer Raum vor, in dem keine bürgerlichen Rechte gelten und in denen eine komplette und undisziplinierte Handlungsfreiheit besteht. Die Leute, die hier handeln, werden dafür in aller Regel nicht zur Rechenschaft gezogen. Das heißt, die Struktur der kolonialen Lager ist mit derjenigen der nationalsozialistischen Lager durchaus vergleichbar.
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