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Bei dieser einseitig.info zugespielten Kolumne handelt es sich sehr wahrscheinlich um die erste vom Autor nicht autorisierte Kolumne seiner Laufbahn. Fachleute und Experten äußern unabhängig voneinander, dass Zippert die letzten Jahre vergeblich versucht hat, diesen ersten Nachweis seiner ungelenken kolumnistischen Tätigkeit für immer zu vernichten. Die Redaktion hat sich entschlossen, auch wenn die Urheberschaft dieses Textes bisher nicht eindeutig geklärt zu sein scheint, diesen Text ins Internet zu stellen, um ihn virtuell vor der Zerstörungswut seines Urhebers zu bewahren.
Bei dieser einseitig.info zugespielten Kolumne handelt es sich sehr wahrscheinlich um die erste vom Autor nicht autorisierte Kolumne seiner Laufbahn. Fachleute und Experten äußern unabhängig voneinander, dass Zippert die letzten Jahre vergeblich versucht hat, diesen ersten Nachweis seiner ungelenken kolumnistischen Tätigkeit für immer zu vernichten. Die Redaktion hat sich entschlossen, auch wenn die Urheberschaft dieses Textes bisher nicht eindeutig geklärt zu sein scheint, diesen Text ins Internet zu stellen, um ihn virtuell vor der Zerstörungswut seines Urhebers zu bewahren.
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Kolumnistik

Zippert erzählt aus seinem kolumnierten Leben

Von Nikolai Wojtko

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ch entstamme zwar keiner alteingesessenen Kolumnistenfamilie, meine Eltern waren Zugereiste. Aber zum Glück konnte ich schon in der Krabbelgruppe erste Bekanntschaften mit Kindern bekannter Kolumnisten sammeln. Arne zum Beispiel war das vierte Kind eines rheinischen Kolumnisten, der es schon in jungen Jahren zu einer regionalen Berühmtheit gebracht hatte. Seine Frau lernte er in den schwierigen Jahren nach dem Krieg beim Wiederaufbau kennen. Da Beide die Arbeit im Geröll der zerstörten Stadt scheuten, taten sie sich zusammen und schrieben Kolumnen über die Zeit als der Dom noch schön und unversehrt war. Mit der Zeit konnten sie sich eines Millionenpublikums nicht erwehren. Dann war da noch Brita. Brita war meine erste große Liebe. Wir teilten alle Förmchen im Sandkasten und sie führte mich in die grundsätzlichen Geheimnisse eines Kolumnistenlebens ein. Ihre Großmutter war aus Böhmen vertrieben worden, da sie Umlaute, die dort als Ausschussware angesehen wurden, in ihre Texte schmuggelte und auf diese Weise einen angeblich unlauteren Wettbewerb führte. Leider wurde der Mann ihrer Großmutter wegen weitaus geringerer Vergehen – er sollte der nicht sehr gewitzten ländlichen Bevölkerung mehrere x-e für ein u vorgemacht haben – von den Kommunisten, kurz bevor sich eine sichere Gelegenheit zur Flucht ergab, standrechtlich erschossen.

Wir verlebten einige glückliche Stunden und Vormittage miteinander. Beide konnte wir uns bald gar nicht mehr vorstellen, dass unsere gemeinsame Textarbeit in den sanften Hügeln des Sandes je ein Ende finden könnte. Doch urplötzlich wurde mir klar, dass sie die Fehler aus der familiären Vergangenheit mit in unser gemeinsames Leben schmuggeln wollte, denn urplötzlich fand ich knapp unter der Oberfläche vergammelte Konsonanten und zerdellte Vokale, von denen Brita meinte, man könne sie noch sehr gut an bedürftige Kindergartenkinder verkaufen.

Gerade als ich mit Knete einige Satzfragmente bildete, um mich über mein zweites Trauma mit Hilfe einer milden Sprache sanft hinweg zu trösten, trat Dörte in mein Leben. Ihre Eltern hatten zur Zeit ihrer Geburt ein altes Ö auf dem Speicher gefunden und gingen davon aus, dass es sich um ein Familienerbstück handeln müsse, welches sie sofort dem Namen ihrer Tochter einverleibten, weshalb die rotblonde immer etwas verschämt zu Boden schaute, wenn man sie nach ihrem Namen fragte. Es war Liebe auf den zweiten Blick, der erste ging bei uns Beiden zu Boden. Meiner, da ich keine Verformungen in den Knetbuchstaben haben wollte, ihrer, da ich sie sofort nach ihrem Namen fragte. Ich bot ihr etwas Rohknetmasse an und das Leben verwandelte sich für uns in einen sprachlich zu formenden Traum.

Ich war froh, dass wir uns endlich gefunden hatten, denn bis zu diesem Zeitpunkt schien mein Leben, wenn man es nur recht betrachtete, keinen tieferen Sinn zu machen. Meine Eltern waren nie für mich da und wenn ich eine Nachricht von ihnen auf dem Küchentisch vorfand, dann lediglich eine kurze, mit der Maschine getippte Notiz von Mutter, nach knappem Diktat Vaters. Beide teilten sie mir mit, dass sie gerade auf der Suche nach dem verlorenen Text waren. Ein Unfall, der sich bei unserem Umzug ereignet haben musste. Meine Eltern konnte mir nie mitteilen, von wo wir eigentlich gekommen waren. Denn alle diesbezüglichen Textfragmente waren anscheinend unwiederbringlich zerstört worden. War es eine Unachtsamkeit meiner Mutter, wie Vater öfter sinnierte, wenn wir in Stille beisammen saßen, bevor er in großes seufzendes Schweigen verfiel. Oder sollte es doch so gewesen sein, das mein Vater wissentlich unsere gesamte Familienvergangenheit eines dunklen Abends im Kamin in Flammen aufgehen ließ, da er alle sprachlichen Brücken und Barrieren zwischen uns und unserer Geschichte als zu beengend für einen Neubeginn empfand, wie meine Mutter einmal unserer Putzfrau zuflüsterte, da sie dachte, ich würde mich im Texttreff der Vorschulgruppe befinden und von daher nicht bemerkte, dass ich ihrer dunklen Ahnung Gehör schenken konnte.

Damit aber war klar, dass meine Eltern mich von alten Worten unbefleckt aufwachsen lassen wollten. Was aber lag vor der Sprache, derer ich gewahr wurde? Eine dunkle Ahnung tat sich in mir auf. Ich war sprachlos und für eine Nacht nicht in der Lage einen einzigen zusammenhängenden Satz zu bilden. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich Dörte vorher meine gesamte Textknete überlassen hatte und nun kein Material hatte, um neue Textfragmente zu modellieren.

Seit dieser Nacht aber bekomme ich meine Eltern nur noch an hohen Feiertagen zu Gesicht. Dann liegt eine Zeitung auf dem Esstisch und die Seite, auf der ein Bild von ihnen abgelichtet ist, liegt für mich aufgeschlagen. So kann ich mitbekommen, welche Mode meine Eltern bei der Wahl ihrer Garderobe bevorzugen und wie sie sich allmählich verändern, während die Jahreszeiten wechseln.

Insgesamt denke ich, dass ich eine glückliche Kindheit verbringen darf. Immerhin lassen mir meine Eltern genügend Spielraum, damit ich meine sprachlichen Talente voll zur Entfaltung bringen kann. Mein Vater hat mir in einer hastig an die Wand gepinnten Notiz mitgeteilt, dass er mir noch etwa 20 Jahre Zeit geben will, da er denkt, ich wäre nicht allzu schnell und die letzten meiner Relativsätze würden dann doch eher dem Niveau eines gebildeten Grundschülers entsprechen.

Ich freue mich schon auf diese reiche Lehrzeit und vor allem auf ihren Ablauf, dann werde ich endlich mit meinen Eltern sprechen dürfen. Was will man in einem Alter von dann 50 Jahren von seinen geliebten Eltern mehr erwarten? Wir werden reden. Von Text zu Text.

Bei dieser einseitig.info zugespielten Kolumne handelt es sich sehr wahrscheinlich um die erste vom Autor nicht autorisierte Kolumne seiner Laufbahn. Fachleute und Experten äußern unabhängig voneinander, dass Zippert die letzten Jahre vergeblich versucht hat, diesen ersten Nachweis seiner ungelenken kolumnistischen Tätigkeit für immer zu vernichten. Die Redaktion hat sich entschlossen, auch wenn die Urheberschaft dieses Textes bisher nicht eindeutig geklärt zu sein scheint, diesen Text ins Internet zu stellen, um ihn virtuell vor der Zerstörungswut seines Urhebers zu bewahren.

Einseitig empfiehlt Hans Zippert: Was macht dieser Zippert eigentlich den ganzen Tag? Aus dem Leben eines bekennenden Kolumnisten.



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Nikolai Wojtko  25.04.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Kolumnistik'' weiterempfehlen?
 
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