Im Mutterland des Fußballs will wahrscheinlich nie einer ins Tor. Alle wollen auf dem Platz mitmischen – und nur die größten Tröten bleiben für die Torhüterposition übrig.
inseitig: Die Griechen haben ein WM-Trauma, das von ihrer bisher einzigen Teilnahme 1994 herrührt, als man nach miserablen Leistungen mit null Toren und null Punkten aus den USA wieder schmucklos heimgeschickt wurde. Droht nun nach dem 0:2 gegen Südkorea eine Wiederholung dieses Debakels?
Rullit: Ja, absolut. Die Niederlage gegen die Koreaner war schon deutlich. Als das frühe 0:1 gefallen war, hatte ich für diese müde Truppe keine große Hoffnung mehr.
Einseitig: Zumal die Gruppengegner Nigeria und Argentinien kaum schwächer sein dürften.
Rullit: Die Argentinier halten sich nach der gestrigen Leistungen bereits für einen Titelkandidaten, was ich ziemlich zweifelhaft finde. Bis zum Schluss hielt Nigeria das Spiel offen und hatte sogar einen Pfostentreffer. Die schöne Ironie des Spiels war, dass keiner der Stars das 1:0 macht, sondern ausgerechnet Gabriel Heinze von Olympique Marseille, der in Argentinien sehr umstritten ist. Seine Nominierung hatte dazu beigetragen, noch mehr an Maradonas Sachverstand zu zweifeln. Einzige Referenz für Heinze schien, dass Maradona mit Heinzes Bruder geschäftlich verbandelt ist. Als Heinze seinen Hammerkopfball unter die Latte gezimmert hat, ist er sofort zur Trainerbank gerannt, und man hat die Genugtuung gesehen. Doch davon abgesehen: Steigert sich die Elf nicht gegenüber dem Auftakterfolg, dann haben wir den kommenden Weltmeister noch nicht gesehen. Wenn sich Geschichte wiederholt, dann aber doch: Dann holt England den Titel.
Einseitig: Das ist erklärungsbedürftig.
Rullit: Das Spiel USA gegen England gestern Abend hatte eine gewisse Parallelität gegenüber dem Vorrunden-1:1 der USA gegen den späteren Weltmeister Italien bei der WM 2006 in Kaiserslautern. Beide Spiele waren unglaublich hart – damals gab es sogar eine rote und zwei gelb-rote Karten. Und beide Male hatten die USA Glück mit dem Ausgleich: 2006 trafen die Italiener ins eigene Tor, gestern dann dieser unglaubliche Patzer des englischen Schlussmanns Robert Green. Dieser Torwart – das kann man schon jetzt sicher festhalten – ist jederzeit für ein bis drei Punkte gut. Für den Gegner.
Einseitig: Die Engländer und ihre Torhüter – wieso steht da seit Peter Shilton kein vernünftiger Insel-Keeper mehr zwischen den Pfosten?
Rullit: Im Mutterland des Fußballs will wahrscheinlich nie einer ins Tor. Alle wollen auf dem Platz mitmischen – und nur die größten Tröten bleiben für die Torhüterposition übrig.
Einseitig: Apropos Tröten. Sind die Vuvuzeelas immer noch so nervig wie bei dem Südafrika-Spiel gewesen?
Rullit: Die Frage kann ich eindeutig mit einem Bild beantworten: Hier im Coesfelder „Brauhaus“ stand der einzige Fernseher mit Ton auf der Herrentoilette. Wer ein Spiel ansehen wollte, musste 90 Minuten auf der Toilette verbringen.
Einseitig: Heute steigen die Gruppengegner der Angelsachsen ein. Was fällt Dir zum Spiel Algerien gegen Slowenien ein?
Rullit: Das dürfte auch eine harte, aber keine besonders attraktive Partie werden. Mal sehen, wie die hoch gelobten Slowenen, die ich auch als Favorit für dieses Match einschätze, ins Turnier kommen. Vielleicht gehören sie ja zu den Mannschaften, die eine tolle Qualifikation spielen und dann nicht viel mehr zu Stande bringen.
Einseitig: Am Nachmittag eröffnet die „deutsche“ Gruppe mit dem Spiel Serbien gegen Ghana.
Rullit: Da sehe ich auch Vorteile für die Serben. Ghana ohne Essien, da muss man sehen, wie die Karten neu gemischt werden. Und es wird auf den Torwart ankommen.
Einseitig: Richard Kingson, der Torwart von Ghana spielt bei Wigan Athletic in der englischen Premier League.
Rullit: Na, das passt ja.
Einseitig: Am Abend dann wird es ernst für Fußball-Deutschland und auch für Dich als bekennenden Fußballpatrioten. Welches Gefühl hast Du?
Rullit: Ein gutes. Wir haben eine Mannschaft, die spielerisch was zeigen und die Australier ganz gut beschäftigen wird. Ich erwarte eines der besseren Gruppenspiele.
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