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„Just Kids“ erinnert nicht nur an eine große Liebe und Freundschaft zwischen der Sängerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin Patti Smith und dem bildenden Künstler und Fotografen Robert Mapplethorpe, sondern beschreibt auch die aufregende Epoche einer kulturellen Revolution Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in New York.
„Just Kids“ erinnert nicht nur an eine große Liebe und Freundschaft zwischen der Sängerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin Patti Smith und dem bildenden Künstler und Fotografen Robert Mapplethorpe, sondern beschreibt auch die aufregende Epoche einer kulturellen Revolution Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in New York.
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Just Kids

Patti Smith mit der Geschichte einer Freundschaft

Von Farah Lenser

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n einem Tag im Spätsommer zogen wir unsere Lieblingssachen an, ich meine Beatnik-Sandalen und löchrigen Schals, Robert behängte sich mit den Glasperlen und trug die Schaffellweste. Wir fuhren mit der U-Bahn zur West Fourth Street und verbrachten den Nachmittag am Washington Square. Wir teilten uns Kaffee aus einer Thermoskanne und beobachteten die Ströme von Touristen, Kiffern und Folksängern. Glühende Revolutionäre verteilten Flugblätter gegen den Krieg. Schachspieler zogen ihr eigenes Publikum an. Es war ein friedliches Nebeneinander, gebettet auf einem Klangteppich aus Tiraden, Bongos und Hundegebell.

Wir gingen gerade auf den Springbrunnen zu, das Epizentrum aller Aktivität, als ein älteres Paar stehen blieb und uns unverhohlen angaffte. Robert freute sich, dass er Aufmerksamkeit erregte und drückte liebevoll meine Hand.

„Oh, mach doch ein Foto von ihnen“, sagte die Frau zu ihrem verwirrten Ehemann, „ich glaube, das sind Künstler.“

„Ach, Unsinn“, sagte er. „das sind Kids wie alle anderen.“

Kulturelle Weltstadt - New York

„Just Kids“ erinnert nicht nur an eine große Liebe und Freundschaft zwischen der Sängerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin Patti Smith und dem bildenden Künstler und Fotografen Robert Mapplethorpe, sondern beschreibt auch die aufregende Epoche einer kulturellen Revolution Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in New York.

Wie viele junge Menschen in jener Zeit flieht Patti Smith aus der Enge des elterlichen Hauses und der Provinz in die kulturelle Weltstadt New York. Sie war als Teenager ungewollt und unverheiratet schwanger geworden – in der damaligen Zeit ein Affront gegen die spießige Gesellschaft. Sie fliegt vom College, bringt ihr Kind an einem versteckten Ort zur Welt, weil die Familie von der Nachbarschaft geächtet wird, entschließt sich, das Kind von einer kinderlosen Akademikerfamilie adoptieren zu lassen und besteigt den Bus nach New York – im Gepäck die gestärkte Kellnerinnenschürze der Mutter, eine zerlesene Ausgabe der Gedichte Rimbauds und mit dem festen Ziel vor Augen, Künstlerin zu werden.

Sie will in New York zunächst bei Freunden unterschlüpfen, die aber unter der angegebenen Adresse nicht mehr wohnen,  stattdessen findet sie dort einen schlafenden Jungen: „Er war blass und dünn, mit Unmengen dunkler Locken, nacktem Oberkörper und Glasperlenkette um den Hals. Ich blieb stehen. Er schlug die Augen auf und lächelte.“ Es ist Robert Mapplethorpe, der sie anlächelt und den sie erst einmal wieder aus den Augen verliert und nach Wochen ergebnislosen Suchens nach einem Job und einer Wohnung „zufällig“ wieder trifft.

„Es war der Sommer, in dem Coltrane starb. Der Sommer von Crystal Ship. Blumenkinder erhoben ihre leeren Hände, und China zündete die H-Bombe. Jimi Hendrix setzte in Monterey seine Gitarre in Brand. Ode to Billie Joe lief im Mainstream-Radio. Es gab Unruhen in Newark, Milwaukee und Detroit. Es war der Sommer von Elvira Madigan, der Sommer der Liebe. Und in dieser wechselhaften, unwirtlichen Atmosphäre änderte eine Zufallsbegegnung den Lauf meines Lebens.

In diesem Sommer traf ich Robert Mapplethorpe.“

Der Beginn einer Freundschaft

Die beiden werden unzertrennlich, schlüpfen gemeinsam mal bei diesen, mal bei jenen Freunden unter, suchen und finden Gelegenheitsjobs und endlich auch eine eigene Wohnung, in der sie ihre Habseligkeiten ausbreiten: „Robert (hängte) seine Zeichnungen auf und drapierte die Wände mit indianischen Stoffen. Auf dem Kaminsims hatte er Devotionalien, Kerzen und Erinnerungsgegenstände vom Tag der Toten arrangiert, wie sakrale Objekte auf einem Altar. Zuletzt richtete er ein Arbeitseckchen für mich ein, mit einem kleinen Tisch und meinem abgewetzten fliegenden Teppich.“

Sie hatten nicht viel Geld, aber sie waren glücklich und experimentierten mit künstlerischen Ausdrucksformen: „Ich hatte ein paar Buntstifte und ein Zeichenbrett nach New York mitgebracht. Ich hatte ein Mädchen an einem Tisch vor aufgefächerten Karten gezeichnet, ein Mädchen, das seine Zukunft deutete. Es war die einzige Zeichnung, die ich Robert zeigen konnte, und sie gefiel ihm sehr. Er wollte, dass ich auch erfuhr, wie es war, mit gutem Papier und guten Zeichenstiften zu arbeiten und gab mir von seinem Material etwas ab. Wir konnten stundenlang hochkonzentriert Seite an Seite arbeiten.“

Doch es kommt zu Krisen und einer ersten Trennung: Patti braucht mehr Freiraum und  Robert entdeckt, dass er trotz seiner Liebe zu Patti homosexuelle Wünsche hat. „Ich regte mich über Roberts Eingeständnis viel mehr auf, als ich erwartet hätte.“ Patti Smith bezeichnet ihre damaligen Vorstellungen über Homosexualität als engstirnig, provinziell und sehr beschränkt, denn sie erkennt, dass Roberts sexuelle Vorlieben nichts an ihrer Liebe zueinander ändern. „Eine Zeitlang beschützte Robert mich, dann verließ er mich, und dann konnte er mich nicht loslassen. Seine Wandlung war Genets Rose, und im Aufblühen hatte sich der Dorn tief in sein Fleisch gebohrt. Ich hatte dasselbe Verlangen, mehr von der Welt zu spüren.“ Auf den Spuren von Rimbaud fährt Patti mit ihrer Schwester einige Monate nach Paris, Briefe zwischen ihr und Robert überqueren den Atlantik. „Meine Schwester und ich kehrten am 21. Juli nach New York zurück. Alle redeten vom Mond. Ein Mann war darauf spazieren gegangen, aber ich hatte es gar nicht richtig mitbekommen.“ Robert ist überglücklich, sie wieder zu sehen, aber er ist sehr krank.

Chelsea Hotel

Patti bringt ihn in das berühmte Chelsea Hotel und nachdem sie ihre Zeichenmappen als Sicherheit im Büro des Besitzers deponiert haben, bekommt sie den Schlüssel von Zimmer 1017. „Ich schloss die Tür auf. Zimmer 1017 war berühmt als das allerkleinste im ganzen Hotel, ein blassblauer Raum mit einem Bett mit weißem Metallgestell und einem Überwurf in cremefarbener Chenille. Es gab ein Waschbecken mit Spiegel, eine kleine Kommode und einen tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher, der genau mittig auf einem großen, verschlissenen Zierdeckchen stand.“ Im Chelsea Hotel wohnen nur Künstler, einige haben schon einen Namen, die meisten sollen erst später berühmt werden und einige werden es nie. „Das Chelsea war wie ein Puppenhaus in der Twilight Zone, mit Hunderten von Zimmern, von denen jedes ein eigenes, kleines Universum barg. Ich durchwanderte seine Flure auf der Suche nach seinen Geistern, ob tot oder lebendig. Meine Expeditionen gerieten immer vorwitziger, wenn ich vorsichtig eine nicht verschlossene Tür aufstieß, um einen schnellen Blick auf Virgil Thomsons Flügel werfen zu können, oder vor dem Namensschild von Arthur C. Clarke herumlungerte und hoffte, er würde plötzlich herauskommen. Gelegentlich stieß ich auf Gert Schiff, den deutschen Kunsthistoriker, Bände über Picasso unter dem Arm oder Viva, umweht von Eau Sauvage. Alle hatten irgendetwas zu bieten, und niemand schien viel Geld zu haben. Selbst die Erfolgreichsten hatten, wie es aussah, gerade genug, um wie extravagante Penner leben zu können.“ In dem Hotel geht das Gerücht um, dass Oscar Wildes Koffer noch irgendwo im Keller stehen, Dylan Thomas hatte dort seine letzten Stunden im Poesie- und Alkoholrausch verbracht, Thomas Wolf Hunderte von Manuskriptseiten geschrieben und Bob Dylan dichtete und komponierte dort seine Songs.

In der kreativen Atmosphäre des Chelsea entdeckt Patti Smith immer mehr ihre eigenen künstlerischen Möglichkeiten, sie trifft Allan Ginsberg, der ihr ein guter Freund und Lehrer wird, und lässt sich  inspirieren von Gregory Corso und William Burroughs. Auch lernt sie Steve Paul kennen, einen charismatischen Unternehmer, der den besten Rockclub in der New Yorker Szene betreibt und findet neue Freunde in der Rockmusikszene, darunter auch Janis Joplin. Gregory Corso bringt sie zum St. Mark's Poetry Project, einem Autorenkollektiv in der historischen Kirche in der East Tenth Street. Dort liest Patti Smith eigene Gedichte, die Musiker rhythmisch begleiten und entwickelt ihre einzigartige Weise, Rock' n' Roll und Dichtung zusammen klingen zu lassen.

Erfolg als Sängerin

1978 landet Patti Smith mit ihrem Song Because the night einen Hit und Robert ist „ungeniert stolz“ auf ihren Erfolg, hat er sie doch immer dazu gedrängt, zu singen: „Pattiiii,“ sagte er gedehnt, „jetzt bist du doch noch vor mir berühmt geworden.“

Zu diesem Zeitpunkt gehen sie privat längst eigene Wege und Robert Mapplethorpe untertreibt, ist er doch als bildender Künstler bekannt und ein sehr gefragter Fotograf, auch das Cover für Horses, Patti Smiths erstes Album mit ihrer Band, stammt von ihm. Beide experimentieren an einer zukünftigen Synthese von visuellem Ausdruck und Musik und stellen sogar gemeinsam aus. „Es war unsere erste und letzte gemeinsame Ausstellung. Die Arbeit mit meiner Band und Crew führte mich während der Siebziger weit weg von Robert und dem Universum, das wir geteilt hatten. Und während ich durch die Welt tourte, musste ich oft daran denken, dass Robert und ich nie gemeinsam über New York hinausgekommen … sind. Aber dennoch, Robert und ich hatten die Grenzen unserer Kunst ausgelotet und einander Räume erschlossen. Wenn ich irgendwo auf der Welt auf die Bühne trat, schloss ich meine Augen und sah ihn vor mir, wie er sich seine Lederjacke abstreifte und mit mir gemeinsam das grenzenlose Land der tausend Tänze betrat.“

Vor seinem Tod 1989 hat Patti Smith ihm versprochen, ihre gemeinsame Geschichte aufzuschreiben und als sie von ihm Abschied nimmt, gleicht ihr letztes Bild von ihm ihrer ersten Begegnung: „“Ein schlafender Junge, von Licht umspielt, der seine Augen aufschlug und mir mit seinem Lächeln sagte, dass wir niemals füreinander Fremde gewesen waren.“

Ein wunderbares Buch, geschrieben von einer ungewöhnlichen und beeindruckenden Künstlerin mit vielen Talenten. Patti Smith ist eine großartige Schriftstellerin!

Patti Smith - Just Kids

Die Geschichte einer Freundschaft

Kiepenheuer&Witsch, 2010 / 336 Seiten, Gebunden / Titel der Originalausgabe: Just Kids / Aus dem amerikanischen Englisch von Clara Drechsler und Harald Hellmann /Mit zahlreichen Abbildungen (D) 19.95 € / sFr 33.90 / (A) 20.60€ - ISBN: 978-3-462-04228-3

          

 



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Farah Lenser  19.06.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Just Kids'' weiterempfehlen?
 
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